Während sich die Industrie auf die ersten ESPR-Pflichten ab 2027 vorbereitet, hat das Joint Research Centre (JRC) bereits den Blick auf die zweite Welle gerichtet. Die JRC-Publikation 138903 (November 2024) ist die methodisch sauberste Analyse, welche Produktgruppen das größte Ecodesign-Potenzial für die EU bieten.
Die Methodik
Das JRC hat 33 Kandidaten-Produktgruppen anhand von vier Hauptkriterien bewertet:
- Umweltrelevanz — wie groß ist der ökologische Fußabdruck der Produktgruppe?
- Verbesserungspotenzial — wie viel kann durch Ecodesign realistisch verbessert werden?
- Strategische Autonomie — reduziert Ecodesign Abhängigkeiten von Drittstaaten?
- Bestehender Regulierungsrahmen — wo gibt es Lücken vs. Doppelregulierung?
Pro Kategorie wurden zehn Umweltindikatoren bewertet: Wasser, Luft, Biodiversität, Boden, Lebenszyklus-Energie, Abfall, Klimawandel, Humantoxizität, Materialeffizienz, Lebensdauer-Verlängerung. Das ist deutlich systematischer als der politische Auswahlprozess der Wave-1-Kandidaten.
Die 11 Endprodukte
Endprodukte sind solche, die direkt an Konsumenten oder Industriekunden verkauft werden. Die JRC-Top-11:
- Textilien und Schuhe (bereits in Wave 1)
- Möbel (bereits in Wave 1)
- Reifen (bereits in Wave 1)
- Bett-Matratzen (bereits in Wave 1)
- Reinigungsmittel (Wave 2 Kandidat)
- Lacke und Farben
- Schmierstoffe
- Kosmetika
- Spielzeug
- Fanggeräte (für Mikroplastik aus Fischerei)
- Absorbierende Hygieneprodukte (Windeln, Damenhygiene)
Die 7 Vorprodukte (Intermediates)
Vorprodukte sind Materialien und Halbzeuge, die in andere Produkte eingehen. Der Hebel hier ist enorm:
- Eisen und Stahl (bereits in Wave 1)
- Aluminium (bereits in Wave 1)
- Commodity-Chemikalien
- Nicht-Eisen, Nicht-Aluminium-Metallprodukte
- Kunststoffe und Polymere
- Zellstoff und Papier
- Glas
Vier dieser Gruppen waren noch nicht in Wave 1 — sie sind die heißesten Kandidaten für Wave 2 ab 2028.
Was diese Liste für Hersteller bedeutet
Wer in einer der 18 Produktgruppen tätig ist, sollte die JRC-Analyse als strategischen Frühindikator behandeln. Die Logik:
- Wave 1 (jetzt bis 2027) deckt die offensichtlichsten Kandidaten ab — Textilien, Stahl, Möbel, Reifen, Matratzen.
- Wave 2 (2028+) erweitert systematisch — die JRC-Liste ist die wahrscheinlichste Reihenfolge.
- Das Bewertungsraster der JRC ist transparent — eigene Produktgruppen lassen sich gegen die Methodik prüfen.
Für die DPP-Plattform-Strategie heißt das: Wer heute schon ein Datenmodell aufbaut, das die Anforderungen der eigenen Branche in Wave 2 antizipiert, spart später teure Re-Implementierungen.
Beispiel: Kosmetik-Branche
Kosmetika sind in der JRC-Liste als Endprodukt mit Wave-2-Potenzial geführt. Konkrete Anforderungen werden vermutlich:
- Materialzusammensetzung (besonders SVHC-Stoffe nach REACH)
- Verpackungs-Recyclingfähigkeit
- Microplastik-Anteil (mit Übergang zur EU-Mikroplastik-Beschränkung)
- Tierschutzkonformität (Tierversuchs-Status)
Hersteller, die heute schon strukturierte INCI-Datenbanken pflegen und nachhaltige Verpackungen ausweisen, sind für Wave 2 deutlich besser aufgestellt.
Die JRC-Liste ist kein Gesetz — sie ist eine Wissenschafts-basierte Vorhersage. Aber genau diese Vorhersage haben politische Entscheidungsträger als Inputs. Wer jetzt antizipiert, gestaltet mit.
Die nächste Aktualisierung der JRC-Analyse wird 2027 erwartet — synchron mit der Mid-Term-Review des ESPR-Arbeitsplans 2028.