Im Dezember 2024 hat die EU die neue Construction Products Regulation (Verordnung (EU) 2024/3110) verabschiedet — sie löst die seit 2011 geltende CPR ab. Anders als ihre Vorgängerin enthält die neue Verordnung explizite DPP-Pflichten und integriert sie nahtlos in BIM-Workflows.
Was die neue CPR ändert
Die alte CPR war primär eine Sicherheits- und Konformitätsverordnung — Mindestanforderungen für statische Eigenschaften, Brandverhalten, Schallschutz. Die neue CPR erweitert das Spektrum massiv:
- Sicherheitsanforderungen bleiben (Tragfähigkeit, Brandschutz, Schallschutz, Energieeffizienz, Hygiene)
- Nachhaltigkeitsanforderungen werden ergänzt (CO₂-Footprint, Recycling-Anteil, Materialeffizienz)
- Digital Product Passport wird zentrales Compliance-Instrument
- EU-Datenbank für Bauprodukte ergänzt das DPP-Zentralregister
Der Construction-DPP im Detail
Die Kommission hat im Vorfeld eine umfangreiche Feasibility-Studie zum Construction-DPP-System veröffentlicht. Die Pflichtdaten umfassen:
- Konformitätserklärung (Declaration of Performance) und CE-Kennzeichnung
- Sicherheitsinformationen und Verarbeitungshinweise
- Materialzusammensetzung und Herkunftsnachweise
- CO₂-Footprint und Energiebilanz über den Lebenszyklus
- Recycling-Anteile und End-of-Life-Anweisungen
- Reparatur- und Wartungsanleitungen
Zeitplan und Umsetzung
Die CPR folgt einem zweistufigen Modell: Die Verordnung selbst ist seit Januar 2025 in Kraft, die produktspezifischen Anforderungen folgen über harmonisierte technische Spezifikationen (HAS) und delegierte Rechtsakte. Verbindlich wird eine Spezifikation erst, wenn die Kommission sie per Durchführungsrechtsakt für verpflichtend erklärt — den Fahrplan dafür setzt der CPR-Arbeitsplan 2026–2029 produktfamilienweise, mit branchenspezifischen Übergangsfristen.
Die Kommission hat ihren ersten Arbeitsplan für die CPR am 16. Dezember 2025 angenommen (COM(2025) 772 final) — vor der Frist des 8. Januar 2026 aus Art. 4 Abs. 2 CPR. Er deckt die Periode 2026 bis 2029 ab und legt fest, welche Bauprodukt-Familien in welcher Reihenfolge harmonisierte technische Spezifikationen bekommen. Die Kommission muss den Plan mindestens alle drei Jahre erneuern; der nächste ist bis Ende 2028 fällig.
Auswirkungen auf typische Hersteller-Profile
Zement & Beton: CO₂-Footprint und Recycling-Anteil werden zur primären Differenzierung. „Grüner" Beton mit niedrigem CEM-Faktor wird über den DPP für Architekten und Bauherren transparent.
Stahl-Bauteile: Recycling-Anteil und Lieferketten-Daten stehen im Fokus. Die ESPR-Anforderungen für Stahl (Wave 1) und die CPR-Anforderungen für Bauelemente konvergieren — ein Datenmodell für beide.
Dämmstoffe: Materialzusammensetzung und Schadstoffe (insb. SVHC-Stoffe nach REACH) müssen im DPP geführt werden. Recyclingfähigkeit wird zum kritischen Kaufkriterium.
Holzbaustoffe: EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) ergänzt die CPR um Lieferketten-Sorgfaltspflicht. Kombinierter DPP-Ansatz reduziert Doppel-Reporting.
Die BIM-Integration
Der CPR-DPP ist von Anfang an für die Integration mit BIM-Tools (Autodesk Revit, Allplan, ARCHICAD, etc.) gedacht. Über standardisierte IFC-Erweiterungen (Industry Foundation Classes) sind DPP-Daten direkt im 3D-Modell verfügbar:
- Beim Design: Materialalternativen mit Live-CO₂-Werten
- Beim Bau: Konformitätsdokumentation per Klick
- Im Betrieb: Wartungs- und Reparaturanleitungen pro Bauteil
- Beim Abriss: Materialaufstellung für Recycling-Routing
Der Construction-DPP macht aus einem Gebäude eine lebendige Materialdatenbank. Wer ein Haus abreißt, weiß genau, was wieder eingesetzt werden kann — und was nicht.
Für Hersteller in der Bauproduktebranche ist die Integration mit BIM-Software der größte Hebel. Wer seine Produktdaten heute schon strukturiert in IFC-kompatiblen Formaten anbietet, hat 2027 einen klaren Wettbewerbsvorteil bei Architekten und Generalunternehmern.