Die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR, Verordnung (EU) 2024/1781) ist am 18. Juli 2024 in Kraft getreten und löst die alte Ecodesign-Richtlinie 2009/125/EG ab. Anders als ihr Vorgänger, der nur energieverbrauchende Produkte adressierte, erfasst die ESPR praktisch alle physischen Waren, die in der EU in Verkehr gebracht werden — mit Ausnahme von Lebensmitteln, Futtermitteln, Arzneimitteln und einigen weiteren Sektoren.
Konkrete Anforderungen werden über delegierte Rechtsakte (delegated acts) pro Produktgruppe festgelegt. Welche Produktgruppen wann dran sind, bestimmt der Arbeitsplan — und genau dieser wurde im April 2025 erstmals von der Kommission verabschiedet, mit Geltung bis 2030 und einer Zwischenüberprüfung 2028.
Wave 1: Die ersten Prioritäten
Artikel 18 Absatz 5 der ESPR nennt die Mindest-Prioritäten für den ersten Arbeitsplan. Die Kommission hat diese bestätigt und im finalen Plan auf folgende Produktgruppen festgelegt:
- Eisen und Stahl (Vorprodukt, höchste CO₂-Relevanz in der EU-Industrie)
- Aluminium (energieintensiv, hohes Recycling-Potenzial)
- Textilien, mit Schwerpunkt auf Bekleidung und Schuhen
- Möbel, einschließlich Matratzen
- Reifen (Mikroplastik, Materialeffizienz)
- Energieverbrauchsrelevante Produkte (Übergang aus dem alten Ecodesign-Regime)
Der Plan umfasst zudem zwei horizontale Rechtsakte mit produktübergreifenden Anforderungen — typischerweise zur Reparierbarkeit, Recyclingfähigkeit oder zum Mindest-Recycling-Anteil.
Wave 2: 18 Kandidaten aus dem JRC-Report
Parallel zum Arbeitsplan hat das Joint Research Centre (JRC) im November 2024 eine umfangreiche Analyse veröffentlicht (JRC138903). Aus 33 Kandidaten isoliert die Studie 18 Produktgruppen mit hohem ESPR-Potenzial — sortiert nach Umweltrelevanz, Verbesserungspotenzial, strategischer Autonomie und bestehendem EU-Regulierungsrahmen.
11 Endprodukte
Textilien und Schuhe, Möbel, Reifen, Matratzen, Reinigungsmittel, Lacke und Farben, Schmierstoffe, Kosmetika, Spielzeug, Fanggeräte, absorbierende Hygieneprodukte.
7 Vorprodukte
Eisen und Stahl, Commodity-Chemikalien, Nicht-Eisen-/Nicht-Aluminium-Metallprodukte, Aluminium, Kunststoffe und Polymere, Zellstoff und Papier, Glas.
3 Horizontale Anforderungen
Haltbarkeit (Durability), Recyclingfähigkeit, Recycling-Anteil — diese Anforderungen wirken übergreifend für mehrere Produktgruppen.
Die JRC nutzte zehn Umweltkategorien für die Bewertung: Wasser, Luft, Biodiversität, Boden, Lebenszyklus-Energieverbrauch, Abfall, Klimawandel, Humantoxizität, Materialeffizienz und Lebensdauer-Verlängerung. Diese Liste gilt als Roadmap für die zweite Welle der DPP-Pflichten ab 2028 oder spätestens 2030.
Was bedeutet das konkret für Hersteller?
Für jede priorisierte Produktgruppe folgt nun ein delegierter Rechtsakt, der die spezifischen Anforderungen festlegt:
- Welche Datenpunkte im DPP enthalten sein müssen
- Welche Datenträger (NFC, QR, RFID) zugelassen sind
- Welche Zugriffsrechte für Verbraucher, Behörden und Geschäftspartner gelten
- Wie lange der DPP verfügbar bleiben muss (Lebensdauer-Anforderungen)
Erfahrungsgemäß haben Hersteller 18 bis 24 Monate ab Veröffentlichung des delegierten Rechtsakts, bis die DPP-Pflicht greift. Für Textilien und Batterien deutet sich ein Anwendungsbeginn 2027 an, für Stahl/Aluminium und Möbel eher 2028.
Die zentrale Infrastruktur
Parallel zum Arbeitsplan baut die Kommission die unterstützende Infrastruktur auf:
- Das EU-DPP-Zentralregister war nach Art. 13 ESPR bis zum 19. Juli 2026 einzurichten; die Durchführungsbestimmungen dazu stehen in der Verordnung (EU) 2026/1778 vom 16. Juli 2026.
- CEN/CENELEC liefert über das Mandate M/604 acht harmonisierte Standards für Datenformate, APIs und Interoperabilität (Frist: 31. März 2026, in Teilen verlängert bis 2028).
- Das CIRPASS-2-Konsortium demonstriert in Pilotprojekten in Textil-, Elektronik-, Reifen- und Bauprodukte-Wertschöpfungsketten die praktische Anwendung.
Roadmap-Empfehlung für 2026/2027
Hersteller in den Prioritätssektoren sollten in den nächsten 24 Monaten fünf Schritte angehen:
- Bestandsaufnahme der eigenen Produktdaten — Materialzusammensetzung, Lieferkette, Reparatur- und Recycling-Informationen.
- Datenträger-Strategie definieren — NFC vs. QR-Code, je nach Branche und Use-Case (z. B. Heritage-Mode profitiert von cryptographisch signierten NFC-Tags, Massenkonsumgüter eher von QR).
- DPP-Plattform evaluieren — intern aufbauen vs. spezialisierter Anbieter mit EU-Hosting.
- Lieferketten-Integration vorbereiten — Daten von Vorlieferanten beschaffen ist erfahrungsgemäß die größte Hürde.
- Audit-Bereitschaft dokumentieren — Marktüberwachungsbehörden werden ab 2027 stichprobenartig prüfen.
Wer jetzt anfängt, ist 2027 startbereit. Wer wartet, riskiert kostspielige Last-Minute-Implementierungen — und in einigen Branchen bereits Marktzugangsverlust.
Die ESPR ist anders als jede vorherige EU-Verordnung im Produktbereich: Sie betrifft nicht nur eine Handvoll Sektoren, sondern setzt eine systemische Transformation in Bewegung. Der Arbeitsplan 2025-2030 ist erst der Anfang.